Nachdenken 1

Gedanken für den Tag Gestaltung: Alexandra Mantler
täglich auf Radio Ö1

Montag, 09. Februar 2015

„Krise als Chance“

von Beate Winkler, Malerin und Autorin und ehemalige Direktorin der EU-Grundrechtsagentur. Gestaltung: Alexandra Mantler

Es ist etwas in mir, das nach Veränderung ruft

Es war ein kleiner Stein, über den ich vor sechs Jahren gestolpert bin und der mein Leben veränderte. Das Stolpern hatte keine schwerwiegenden Folgen, aber es geschah mitten in einer Lebenskrise in einem Moment, als ich von meiner Situation Freunden beim Spazierengehen erzählte. Sofort begriff ich dieses vermeintlich unbedeutende Ereignis als Zeichen, Halt zu machen und mich mit meinem Leben auseinanderzusetzen.

Ich entdeckte Möglichkeiten, die mir neue Tore öffneten. Tore, die ich auch jetzt brauche, denn die Welt befindet sich im Umbruch – und ich mit ihr. Wie ich empfinden viele Menschen die Lage, in der wir uns befinden, als bedrohlich – sei es Klimawandel oder Eurokrise, „IS“ oder der Umgang mit Einwanderung – um nur Beispiele zu nennen. Angst zu haben ist nicht angenehm und ich bevorzuge andere Gefühlszustände.

Aber immer wieder habe ich in meinem Leben erfahren, dass mir meine Ängste wichtige Informationen geben. Sie zeigen mir, dass etwas nicht stimmt und machen mich wach. Angst kann mich zum Handeln motivieren. Ich habe es oft bereut, wenn ich sie übergangen habe. Angst ist eine Art Frühwarnsystem – allerdings nur, wenn sie nicht der alleinige Ratgeber ist. Wenn dem so wäre, hätte die Angst mich.

Damals war ich nicht Gefangene meiner Angst und folgte meiner inneren Stimme, die sagte „Es ist etwas in mir, das nach Veränderung ruft.“ Das war nicht leicht für mich – das Alte war weg und das Neue noch nicht da. Doch ich konnte die Erfahrung machen, dass das Leben trägt und mit Veränderung positive Entwicklungen einhergehen: das Entdecken neuer Fähigkeiten, die Überwindung von Missständen, die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben – und einiges mehr. Leben heißt Veränderung. Sie ist eine große Chance, wenn ich offen für sie bin. Offen für den Wandel.

Dienstag
10. Februar 2015
06:56

Wo ist mein Glück zu finden?

„Moshe, wohin rennst Du so schnell?“. “ Ich renne dem Glück hinterher, Rabbi!“. „Woher weißt Du, dass es nicht hinter Dir liegt?“, fragt der Rabbi weiter.

Das ist ein jüdischer Witz, der Fragen zusammenfasst, die ich mir während meines eigenen Veränderungsprozesses gestellt habe. Zu einer Zeit, als ich langsam lernte, die Fragen zu lieben. Meine langjährige Tätigkeit als Direktorin der EU Agentur in Wien – der jetzigen EU Grundrechtsagentur – war zu Ende gegangen. Ich hatte meine Erfahrungen in die EU Kommission eingebracht und suchte eine neue Orientierung. So fragte ich mich: „Was will ich eigentlich noch leben? Mehr vom Gleichen oder wartet noch etwas ganz anderes darauf, von mir gelebt zu werden?“ Das sind grundlegende Fragen, bei denen die Antwort nicht im Schnellverfahren zu finden ist. Das Bedürfnis nach einer neuen Orientierung habe nicht nur ich, sondern es verbreitet sich immer mehr in der jetzigen globalen, internationalen und gesellschaftlichen Krise.

Doch worauf sollte ich in einer solchen Situation achten? Meine Erfahrungen haben mir gezeigt, dass ich das „Ganze“ im Blick haben sollte, wenn ich bereit für tiefgreifende Veränderungen bin. Mit dem „Ganzen“ meine ich auf Menschen bezogen: mich in all meinen unterschiedlichen Dimensionen wahrzunehmen – Geist, Gefühle und Körper.

Das „Ganze“ im Blick haben, heißt für mich zu fragen: „Was bedeutet für mich ein erfülltes, gutes Leben – was beinhaltet Glück? Welche Bilder tauchen vor meinem inneren Auge auf und welche Gefühle werden wach?“ Und bezogen auf die Gesellschaft: „Wie könnte es möglich sein, dass wir alle unserer Fähigkeiten und Begabungen entwickeln können? Wir in einer Gesellschaft leben, die ihre Zukunft selbstbewusst und verantwortlich in die Hand nimmt?“ Was kann ich ganz persönlich dazu tun? Das sind Fragen, die mich beschäftigen – Fragen, mit denen ich unterwegs bin.

Mittwoch
11. Februar 2015
06:56

Vieles kann ich nicht verändern, doch die eigene Einstellung sofort

Manchmal bekommt man kleine Geschenke, die große Wirkung haben. Das können Fragen sein, die zum richtigen Zeitpunkt gestellt werden und mir einen anderen Zugang zu Lebensthemen schenken. Oder es ist ein beiläufiger Satz, der eine Welt der Möglichkeiten eröffnet. Das war bei mir der Fall. Ich besuchte ein Seminar und der kluge Leiter sagte, als es um Krisen ging: „Sie können im Leben vieles nicht verändern, aber Ihre Einstellung von einer Sekunde zur anderen.“ Dieser Satz hat mein Leben begleitet und ist ein wichtiger Ratgeber für mich in Krisensituationen geworden.

So frage ich mich in bedrohlicher Lage: Was ist das Positive dran? Welches Geschenk könnte sich in dieser Krise verbergen? Ich wechsle die Perspektive, kann unerwartete Chancen sehen und mich auf sie konzentrieren. Zudem entdecke ich dabei, dass ich viel mehr Möglichkeiten habe, als ich ahne. Meine Erfahrung spiegelt sich wieder in der chinesischen Sprache. Dort besteht das Wort „Krise“ aus zwei Zeichen: Das eine heißt „Gefahr“ und das andere „Gelegenheit“. So haben wir nach meiner Einschätzung auch in unserem gesellschaftlichen Zusammenleben viel mehr Möglichkeiten als wir ahnen, wenn wir uns auf unsere Potentiale konzentrieren. Zum Bespiel auf das, was unsere Gesellschaft wirtschaftlich erfolgreich macht.

Der Ökonom Richard Florida fand heraus: Es ist die Förderung der 3 Ts – Technologie, Talent und Toleranz. Toleranz gegenüber Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion auf Basis der Menschenrechte macht uns also wirtschaftlich erfolgreich. Was für ein schöner, weiterführender Gedanke. Doch – eine kleine kritische Anmerkung – Ich möchte nicht toleriert, sondern respektiert werden. Respektiert, um all das leben zu können, was mein Leben und das von anderen sinnvoll bereichert.

Donnerstag
12. Februar 2015
06:56

Wir können den Wind nicht ändern, aber wir können die Segel richtig setzen

„Wir können den Wind nicht ändern, aber wir können die Segel richtig setzen“. Diese wunderbare Lebensweisheit stammt von Aristoteles. Es ist ein Satz, den ich jungen Menschen sehr gern mitgebe, wenn sie sich auf den Weg machen, um die Welt verändern zu wollen. So wie ich es vor langer Zeit getan habe – und in vielerlei Hinsicht heute immer noch unverdrossen tue. Das halte ich für notwendig, denn die Krise, in der sich unsere Gesellschaft und die Welt befindet, ist tiefgreifend und kann sicherlich nicht durch Wegschauen gelöst werden. Also ist Handeln angesagt.

Aber die Situation ist schwierig und unübersichtlich. Wo kann ich überhaupt anfangen? Welche Ressourcen stehen mir zu Verfügung? Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel richtig setzen, ist für mich bei der Beantwortung dieser Fragen ein wichtiger Hinweis. Stachelten mich früher Widerstände an, so habe ich in den vielen Krisen, mit denen ich konfrontiert war, gelernt, darauf zu achten, woher dieser Widerstand kommt. Kämpfe ich vielleicht gegen Windmühlen an – was nicht gerade ein Erfolgsrezept ist? Oder nehme ich die Realität nicht richtig wahr? Halte gar meine Vorstellung von Realität für die Wirklichkeit selbst? Sicher ist Veränderung immer mit großen Widerständen verbunden. Doch ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass ich Widerstände noch vergrößert habe, weil ich einen „Tunnelblick“ hatte. Also zu feste Vorstellungen, wie etwas zu sein hat und was ich tun sollte.

Die vielen überraschenden Möglichkeiten, die das Leben eben auch bietet, waren gar nicht in mein Blickfeld geraten. Ich hatte den Wind nicht gespürt, der mich leicht zu meinem Ziel gebracht hätte. Das ist jetzt anders. Heute schaue ich erst einmal nach dem Wind, bevor ich die Segel setze – ohne mein „Überzeugungs-Fähnlein“ nach dem Wind zu drehen.

Freitag
13. Februar 2015
06:56

Wir brauchen eine langfristige Vision – die Vision der Seele

Seit vielen Jahren begleitet mich das Wort „Veränderung“. Zu Recht, denn Leben heißt Veränderung. Doch so einfach ist es nicht, denn das Wort löst ganz unterschiedliche Gefühle aus.

„Veränderung“ ist für viele mit Unsicherheit und Angst verbunden – es steht mit unserem Grundbedürfnis nach Sicherheit in Konflikt. Daher habe ich auch bei mir selbst beobachtet, dass ich mich mit dem Thema „Veränderung“ oft erst dann auseinander setze, wenn ich aufgrund äußerer Umstände geradezu darauf gestoßen werde. Natürlich weiß ich, dass mit Veränderung immer auch positive Entwicklungen einhergehen: unerwartete Möglichkeiten und überraschende Begegnungen, veränderte Wahrnehmungen und neue Perspektiven sind nur Beispiele.

Doch wie kann es mir gelingen, die Verunsicherung zu überwinden, so dass ich meine Chancen besser nutzen kann? Also mit weniger Abwehr reagiere? Eine gleichlautende Antwort aus unterschiedlichen Wissensbereichen lautet: „Wir brauchen ein attraktives Bild von unserer Zukunft, das positiver ist als die Abwehr, die mit jeder Veränderung einhergeht.“ Das gilt für persönliche Veränderungen wie zum Beispiel Älterwerden, aber auch für unsere jetzige gesellschaftliche Krise. „Wir brauchen eine langfristige Vision – die Vision der Seele“, meinte der indische Philosoph und Künstler Rabindranath Tagore. Ich füge hinzu: „Wir brauchen Bilder, wohin wir uns im Leben entwickeln möchten. Bilder, die stärker sind als Worte und die uns in Einklang mit unserem Geist, Körper und unserer Seele bringen.

Für mich selbst kann nur ich dieses Bild finden. Für unsere Gesellschaft geht es nur gemeinsam. Gemeinsam der Frage nachgehen: „In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Wohin wollen wir uns bewegen?“ Das sind Fragen, die mich bewegen – Fragen über meinen Tag hinaus.

Samstag
14. Februar 2015
06:56

Dem Zauber des Aufbruchs folgen

Eine Krise kann zur großen Chance meines persönlichen, aber auch gesellschaftlichen Lebens werden, wenn ich mich mit ihr auseinandersetze und bereit bin zum Handeln. Doch das ist leichter gesagt als getan. Ich konnte in meinem Beruf und im Privaten beobachten, dass eine große Energie darauf verwandt wird herauszufinden, was die Ursachen für eine Krise sind. Schon weit weniger Wissen und Kreativität wird für die Entwicklung von Lösungen eingesetzt. Und wann es dann tatsächlich um die Realisierung von Lösungsmöglichkeiten geht, sinkt der Energiespiegel weiter hinab.

Das bemerke ich beim Thema Klimawandel und das beobachte ich bei der Verwirklichung guter Vorsätze für das Neue Jahr. Beim Vor-, Nach- und Querdenken über dieses Phänomen fiel mir auf, dass Veränderungen mir wesentlich leichter fielen, wenn ich bewusst Abschied nahm. Abschied von Menschen oder auch Gewohnheiten. Wenn ich den Abschied mit Dankbarkeit gestaltete in einer Zeit, die arm an Ritualen ist. Abschied nahm auch von übergroßen Erwartungen an andere – vor allem aber mir selbst gegenüber. „Hab doch Mut zur Lücke“, sage ich dann zu mir und versuche, um meinen Perfektionismus weite Bögen zu ziehen. Nicht immer mit Erfolg, aber immer öfter. Und verzeih es mir, wenn ich mal wieder eine kleine „Ehrenrunde“ gedreht habe und in alte Verhaltensmuster abgeglitten bin. Kein Problem hinzufallen, wenn ich wieder aufstehe und dem Zauber des Aufbruchs folge. Weiter gehe, nachdem ich Abschied genommen habe. Diese Abschiede erinnern mich immer mehr an meine eigene Vergänglichkeit. Sie verbinden mich mit der Natur, in der ich das ständige Vergehen und Werden erlebe. Sie zeigt mir jeden Tag, dass alles mit allem verbunden ist und sich mein Leben ständig ändert. Dass ich trotz aller Unsicherheit das Vertrauen haben kann, das das Leben trägt.