Menschheitsgeschichte

 Älteste Spuren moderner Menschen in Europa

Der Ort Willendorf in der Wachau ist für seine Ausgrabungen bekannt. Neben die berühmte Venus treten nun Teile von Steinwerkzeugen, die Wiener Forscher ausgegraben haben: Sie sind über 43.000 Jahre alt und somit die ältesten Hinweise moderner Menschen in Europa.

Kategorie: Willendorf                                                                                  Erstellt am 23.09.2014.

Unsere Vorfahren kamen vermutlich ein paar Tausend Jahre früher nach Mitteleuropa als bisher angenommen, schließen Forscher um Bence Viola, der die Arbeit am Department für Anthropologie der Universität Wien und dem Max-Planck-Institut für Anthropologie in Leipzig (Deutschland) durchgeführt hatte.

Durch das frühe Auftauchen der modernen Menschen sei die Zeitspanne größer, in der sie sich den Kontinent mit den Neandertalern teilten, so Viola. „Wir wissen, dass sie sich vermischt haben, denn alle heutigen Menschen außerhalb Afrikas tragen eineinhalb bis drei Prozente Neandertaler-DNA.“

Die Studie:

„Early modern human settlement of Europe north of the Alps occurred 43,500 years ago in a cold steppe-type environment“ von Philip Nigst und Kollegen ist am 21.9.2014 in den „PNAS“ erschienen.

Ö1 Sendungshinweis:

Über das Thema berichteten auch die Ö1 Journale, 22. und 23. 9. Uhr.

Mehr Zeit für Austausch mit Neandertalern

Nach den neuen Daten hatten sie dafür mindestens 3.500 Jahre Zeit, denn die Neandertaler verschwanden nach dem derzeit aktuellen Wissen vor etwa 40.000 Jahren, erklärte der Anthropologe. Bis jetzt hatten verschiedene Wissenschaftler die Ankunft der modernen Menschen frühestens auf 41.500 oder knapp vor 40.000 Jahren vor heute geschätzt.

Die Forscher haben bei Grabungen zwischen 2006 und 2011 an der Fundstelle Willendorf II für moderne Menschen charakteristische „Lamellen“-Werkzeuge in einer Bodenschicht gefunden, die sie als 43.500 Jahre alt identifizierten. An diesem Platz war 1908 auch die berühmte, allerdings viel jüngere, rund 25.000 Jahre alte „Venus von Willendorf“-Statuette entdeckt worden.

Teile von Jagdwaffen

Lamellen sind kleine Steinartefakte, die bis zu einem Zentimeter breit und manchmal mehrere Zentimeter lang sind, und wahrscheinlich Teile von Jagdwaffen waren, so der Leiter der Studie, Philip Nigst, vom Department of Archeology and Anthropology der Universität Cambridge. Die in Willendorf gefundenen Lamellen seien typisch für eine Epoche der jüngeren Altsteinzeit, dem sogenannten Aurignacien.

Das damalige Klima und die Vegetation konnten die Forscher anhand unterschiedlicher Bodenanalysen herausfinden. Einerseits wurde der Bodentyp und die Bodenmorphologie charakterisiert, andererseits könne man auch durch die Zusammensetzung der Arten und Unterarten von Schnecken, deren Häuser in dieser Schicht vergraben sind, das Klima rekonstruieren, erklärte er. Dadurch habe man eine viel größere Genauigkeit erreicht, als nur mit Kohlenstoff(C14)-Datierungen, die mit bekannten Paläoklimadaten korreliert werden.

„Auf diese Art hätten wir nicht gewusst, in welcher von drei bis vier Warm- oder Kaltphasen der Eiszeit unser Fund liegt“, sagte er. Erst die zusätzlichen Informationen würden den Zeitabschnitt so weit einengen, dass man sagen kann, die ersten modernen Menschen siedelten hier am Beginn einer warmen Phase innerhalb der Eiszeit, als hier eine Tundra-artige Steppe mit lichten Nadelwäldern war, so der Archäologe.

science.ORF.at/APA

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Aus: http://science.orf.at/stories/1746604/


Willendorf: Ein Paradies für Anthropologen

43.500 Jahre alt sind die soeben in Willendorf entdeckten ältesten Spuren des modernen Menschen in Europa – und damit älter als bisher gedacht. Warum der Ort in der Wachau ein Paradies für Anthropologen ist und was die neuen Funde für unser Verhältnis zu den Neandertalern bedeuten, erklärt Studienleiter Bence Viola von der Universität Wien.

Kategorie: Moderner Mensch Erstellt am 24.09.2014.

Unsere Vorfahren sind aus dem Nahen Osten nach Europa gewandert, unter anderem entlang der Donau. Obwohl es damals recht kalt und trocken war, haben sie sich in der Wachau niedergelassen, so Bence Viola, der Leiter der Ausgrabung von der Universität Wien, im science.ORF.at-Interview.

Handelt es sich bei der Fundstelle um die gleiche wie bei der berühmten Venus von Willendorf?

Die Studie:

„Early modern human settlement of Europe north of the Alps occurred 43,500 years ago in a cold steppe-type environment“ von Philip Nigst und Kollegen ist am 21.9.2014 in den „PNAS“ erschienen.

Ö1 Sendungshinweis:

Über das Thema berichteten auch die Ö1 Journale, 22. und 23. 9.2014.

Bence Viola : Fast, sie liegen nur fünf Meter voneinander entfernt. Wobei die Venus „nur“ rund 25.000 alt ist und somit weiter oben gefunden wurde.

Was genau haben Sie und Ihr Team gemacht?

Wir haben nach Lamellen-Werkzeugen gesucht und gefunden: Bruchstücke aus Feuerstein, die nur eineinhalb Zentimeter lang und ein paar Millimeter breit sind. Diese Lamellen wurden auf Knochensplitter aufgeklebt und sind Teile von Werkzeugen. Die Werkzeuge sind typisch für das Aurignacien, eine Kultur der jüngeren Altsteinzeit, die man eindeutig dem modernen Menschen zuordnen kann.

Warum gibt es Knochenfunde aus dieser Zeit von Neandertalern, aber nicht von der Aurignacien-Kultur?

Weil die Neandertaler in erster Linie Höhlen bewohnt haben, die modernen Menschen aber das Freiland. Wir kennen keine Freilandfundstellen aus dieser Zeit vor 40.000 Jahren mit erhaltenen Knochen. Das Klima war damals so, dass die Böden sehr sauer waren, und das führte dazu, dass keine Knochen erhalten sind. Wir finden aus der Zeit nur Steingeräte, keine Knochengeräte, keine Speisereste und keine Knochen. Bei Funden, die etwas jünger sind – etwa aus einer Zeit vor 30.000 oder 35.000 Jahren – gibt es diese Knochen, und die lassen sich eindeutig anatomisch dem modernen Menschen zuordnen. In den Höhlen der Neandertaler gibt es das Problem mit den sauren Böden nicht.

Gibt es dennoch irgendwelche Hinweise auf Neandertaler in Willendorf?

Nur ein paar Steingeräte, die vielleicht von ihnen hergestellt wurden, die stammen von Altgrabungen. Aber im Grund wissen wir dazu nichts. Die nächsten eindeutigen Neandertaler-Fundstellen befinden sich in Mähren, Kroatien und Ungarn.

Was bedeuten die neuen Funde für das Verhältnis des modernen Menschen zum Neandertaler?

Wir konnten zeigen, dass die modernen Menschen schon vor 43.000 Jahren aufgetaucht sind. Da wir von anderen Fundstellen wissen, dass die Neandertaler mindestens bis vor 40.000 Jahren gelebt haben, haben wir eine Überlappung von mindestens 3.000 Jahren. In dem Zeitraum hat es kulturelle und biologische Kontakte zwischen den beiden gegeben. Wir wissen von genetischen Daten, dass sich die beiden vermischt haben. Alle modernen Menschen außerhalb Afrikas tragen heute ein bis drei Prozent Neandertaler-DNA in sich.

Wie verhält sich Willendorf zu den anderen Fundstellen der Aurignacien-Kultur in Europa?

Willendorf ist die älteste. In Deutschland gibt es eine Stelle in der schwäbischen Alp, wo Venusfiguren, Flöten aus Knochen, Anhänger aus Elfenbein etc. gefunden wurden, aber sie ist ein paar tausend Jahre jünger als Willendorf. Wir nehmen an, dass die modernen Menschen ursprünglich aus Afrika, dann aus dem Nahen Osten nach Europa eingewandert sind und die Kultur mit sich gebracht haben. Das Donautal war wohl eine der Wanderungsrouten. Willendorf dürfte eine der ersten Fundstellen sein, weil sie hier zuerst vorbeigekommen sind. Wahrscheinlich gibt es in Rumänien und Ungarn noch ältere Fundstellen, die hat man aber bisher nicht entdeckt.

Wie war das Klima in Willendorf damals?

Relativ kühl. Man dachte früher, dass die ersten modernen Menschen in einer warmen Phase gekommen sind. In Willendorf war es damals aber ziemlich kalt und trocken, kälter als heute. Das wissen wir von Schnecken, die wir gefunden haben, die sehr spezifisch an die Umwelt angepasst sind.

Warum ist Willendorf solch ein Paradies für Archäologen und Anthropologen?

In Willendorf haben wir eine andauernde Anwehung von Löss, wodurch die menschlichen Siedlungen zugeweht werden und somit erhalten bleiben. Auch das Klima dürfte in der Wachau günstig sein, weshalb sie so relativ häufig besiedelt war. Das zeigen auch die Fundstellen um Krems, wie etwa am Wachtberg. Aber man muss bedenken: Wir sprechen hier von langen Zeiträumen – in Willendorf gibt es mindestens elf Besiedlungszeiten, aber verstreut über zehntausende von Jahren.

Was ist archäologisch noch zu erwarten von Willendorf, wird man je Knochen finden?

In der Schicht, in der wir gegraben haben, werden wir nie Knochen finden. Der beste Teil der Siedlung ist bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgegraben worden, wir haben im Randbereich nahe der Bahn gegraben. Es gibt aber einige andere Stellen ein paar hundert Meter entfernt, wo man noch graben könnte. Das Problem: Da stehen meistens Weinberge, und die Weinbauern sind dagegen.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Aus: http://science.orf.at/stories/1746641/


Die Kultur gedieh am Lagerfeuer

Abendliche Lagerfeuer bescherten den Urmenschen vor rund 300.000 Jahren nicht nur mehr Zeit in der Helligkeit. Laut Untersuchungen einer US-Anthropologin trug das Feuer auch maßgeblich zur Entwicklung der Kultur bei.

Kategorie: Urgeschichte Erstellt am 23.09.2014.

Wenn Biologen über die Vorzüge des Feuers für unsere Vorfahren sprechen, dann oft in Bezug zur Ernährung. Das Feuer, so lautet zumindest eine These, habe die Ernährungsweise der Hominiden verändert. Über dem Feuer gegarte Speisen waren leichter verdaulich und lieferten mehr Energie, notierte der US-Forscher Matt Sponheimer letztes Jahr in einer Studie. Sein Fazit: Das habe den Menschenartigen weiteres Hirnwachstum beschert und sie damit quasi klüger gemacht. Abgesehen davon war die Kontrolle des Feuers freilich auch in anderer Hinsicht von Vorteil.

Der Lichtschein schützte unsere Vorfahren etwa vor Kälte und wilden Tieren. Und er ermöglichte es ihnen, sich der Gemeinschaft zu widmen ohne die produktiven Aktivitäten des Tages zu vernachlässigen. Letzteres sei ein wichtiger Grundstein für die Entwicklung des Sozialgefüges sowie der Kultur gewesen, schreibt die Anthropologin Polly Wiessner von der University of Utah nun im Fachblatt „PNAS“.

Die Studie

„Embers of society: Firelight talk among the Ju/’hoansi Bushmen“, PNAS (22.9.2014; doi: 10.1073/pnas.1404212111 ).

Abends wurden Geschichten erzählt

Für ihre Studie beobachtete Wiessner über ein halbes Jahr die Tagesabläufe der „Ju/’hoansi Kalahari Buschmänner“ in Botsuana und Namibia. Sie stellte dabei fest, dass etwa 75 Prozent aller Gespräche am Tage der Organisation von Arbeit beziehungsweise der Regelung von sozialen Beziehungen galten.

In den Abendstunden wechselten die Themen deutlich. 81 Prozent der Unterhaltungen drehten sich um Geschichten und Erzählungen. Außerdem wurde getanzt und gesungen, auch religiöse Zeremonien spielten eine große Rolle. Für das Zusammenleben in einer Gemeinschaft seien diese Aktivitäten sehr wichtig, schreibt die Forscherin in ihrem Artikel.

Am abendlichen Lagerfeuer werden demnach kulturelle Werte und Normen gefestigt und weitergeben, auch an Menschen aus anderen Kulturen. Wiessner sieht ihre Beobachtungen als ein Indiz dafür, welche großen Auswirkungen die Kontrolle des Feuers auf die soziale und kulturelle Evolution gehabt haben könnte.

Die US-Forscherin betont allerdings: Eins zu eins auf frühzeitliche Gemeinschaften könne man die Beobachtungen an indigenen Völkern nicht übertragen. Die urzeitliche Lebenswirklichkeit unserer Vorfahren lasse sich nur schwer rekonstruieren. Denn aus der Zeit, als der Mensch das Feuer zu kontrollieren lernte, gebe es keine schriftlichen Quellen. Archäologische Funde seien zwar verfügbar, würden aber vor allem Einblick in das „Arbeitsleben“ geben. Die Religion und das Sozialleben der Urmenschen seien hingegen vergleichsweise unerforscht.

science.ORF.at/dpa

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Aus: http://science.orf.at/stories/1746591/


Kulturverlust in kleinen Gruppen

Eine Studie französischer Biologen wirft neues Licht auf die Urgeschichte des Menschen. Kultur, so das Ergebnis ihrer Experimente, ist an größere Gemeinschaften gebunden. Kleine Gruppen könnten in Urzeiten bisweilen vom Aussterben bedroht gewesen sein – weil sie ihr Wissen nicht bewahren konnten.

Kategorie: Urgeschichte Erstellt am 14.11.2013.

Der Mensch, sagt der britische Evolutionsbiologe Mark Pagel, ist ein Nachahmungswesen. Von anderen lernen können zwar alle Säugetiere, aber nur wir verfügen über die Mittel, um Wissen Stück für Stück aufzutürmen – ad infinitum, wie es scheint. Der Turm heißt „Kultur“ und sein wichtigstes Bindemittel ist die Sprache, so Pagel: „Mit ihr sind wir fähig, Abkommen zu treffen und unseren Ideenaustausch zu planen. Das kann kein anderes Tier.“

Die Studie

„Experimental evidence for the influence of group size on cultural complexity“, Nature (13.11.2013; doi: 10.1038/nature12774).

Sprache, Lernen und Imitieren sind aber nicht die einzigen Voraussetzungen für die Entstehung von Kultur, wie Maxime Derex von der Universität Montpellier hinweist. Er hat folgenden Versuch im Labor durchgeführt. Seine Probanden mussten am Computer via Videodemonstration zwei Tätigkeiten erlernen, die auch in frühen menschlichen Gesellschaften wichtig gewesen sein dürften, nämlich die Herstellung einer Pfeilspitze sowie das Knüpfen eines Fischernetzes. Letzteres war die schwierigere, weil komplexere Aufgabe. Allerdings war das Netz langfristig auch die ertragreichere Methode, um im Rahmen des Computerspiels Punkte (bzw. als Motivationsspritze: Geld) zu sammeln.

Die Technologie verflüchtigt sich

Derex überließ die Probanden allerdings nicht sich selbst, sondern teilte sie in Gruppen mit je zwei, vier, acht und 16 Mitgliedern. Nach 15 Versuchen wurde erstmals abgerechnet, die Probanden konnten sich von den Besten ihrer Gruppe handwerkliche Kniffe abschauen, dann wurde weiter gespielt. Die meisten hatten in der ersten Runde deutlich schlechter als die Videovorlage abgeschnitten, aber einige wenige hatten das Vorbild gleich zu Beginn übertroffen. Das mag erklären, warum die Gruppengröße einen so starken Einfluss auf das Ergebnis hatte.

Wie Derex im Fachblatt „Nature“ schreibt, veränderte sich die Pfeilspitzentechnologie in den kleinen Gruppen im Laufe der Zeit nicht wesentlich. In großen Gruppen wurde sie stetig besser. Noch größer der Unterscheid bei der komplexeren Aufgabe: Auch hier verbesserten die Mitglieder der acht und 16 Mitglieder starken Gruppen die Technologie Schritt für Schritt. In den Kleingruppen indes verflüchtigten sich die erlernten Fähigkeiten mit Fortdauer des Spiels. Die Qualität Netze wurde immer schlechter.

Derex schließt daraus, dass die Mitgliederzahl der Urgesellschaften einen wichtigen Einfluss auf die kulturelle Evolution gehabt hat. Beziehungsweise drastischer formuliert: Manche Gemeinschaften könnten sogar vom Aussterben bedroht gewesen sein, weil sie zu klein waren, um ihr Wissen dauerhaft zu erhalten und weiterzuentwickeln.

Keine Menschen auf King Island

Das erinnert an eine Geschichte, die der US-Evolutionsbiologe Jared M. Diamond anno 1978 erzählt hat. Als die Europäer im 18. Jahrhundert erstmals nach Tasmanien kamen, fanden sie dort 4.000 Menschen vor, die noch immer in der Steinzeit lebten. Ihre Technologie war selbst für Steinzeitbegriffe simpel: Sehr einfach gebaute Werkzeuge, auch die Behausungen und Kleidung rudimentär, sonst nichts – keine Technik um neues Feuer anzufachen, keine Pfeile oder Bumerangs, keine Landwirtschaft, keine domestizierten Tiere.

Laut Diamond spricht alles dafür, dass die Vorfahren der Tasmanier die Insel vor mehr als 20.000 Jahren zu Fuß erreicht haben, als der Meeresspiegel infolge mächtiger Eisschilde deutlich niedriger war. Als es am Ende der Eiszeit wärmer wurde, stieg der Meeresspiegel und Tasmanien wurde vom australischen Festland abgeschnitten. In dieser Region entstanden auch andere, kleine Inseln – King Island und die Furneaux-Gruppe etwa, die neben Wald, Tieren und Wasser auch sonst alle Voraussetzungen für eine Besiedelung gehabt hätten.

Doch sie waren bei Ankunft der Europäer menschenleer. Warum? Diamonds Vermutung: Die Inseln waren zu klein. „Sie konnten nur 200 bis 500 Menschen versorgen. Das ist zu wenig, um in völliger Isolation zu überleben. Die Populationen starben nicht aus, weil es keine Nahrung gegeben hätte. Sie starben aus, weil es zu wenige Menschen gab.“

Robert Czepel, science.ORF.at

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Aus: http://science.orf.at/stories/1728290/


Die Ungleichheit ist älter als gedacht

Als die Landwirtschaft vor rund 7.500 Jahren aus dem Nahen Osten nach Europa gekommen ist, haben sich schnell soziale Unterschiede entwickelt. Die sesshaften Bauern vererbten Grund und Boden an ihre Söhne. Wer keinen begüterten Vater hatte, musste wandern und sich eine Siedlung suchen.

Kategorie: Landwirtschaft Erstellt am 29.05.2012.

Die bisher ältesten Beweise für diese Entwicklung von Ungleichheit in Europa hat nun ein Team um die Urhistorikerin Maria Teschler-Nicola vom Naturhistorischen Museum Wien vorgestellt. Die Analyse von Skeletten zeigt auch gravierende Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Jungsteinzeit.

Die Studie:

„Community differentiation and kinship among Europe’s first farmers“ von Alexander Bentley und Kollegen ist in den „PNAS“ erschienen (sobald online).

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Über das Thema berichtet auch Wissen aktuell, 29.5., 13:55 Uhr.


Die Gesellschaft der Urbauern:

Die Linearbandkeramische Kultur (LBK) umfasst einen Zeitraum von ca. 5.500 bis 5.000 Jahren vor Chr. Hatten zuvor in Europa nur Jäger und Sammler gelebt, so betrieb sie erstmals sesshaft Ackerbau und Viehzucht. „Das waren frühe bäuerliche Siedlungen mit Landhäusern, in denen Großfamilien gelebt haben, rundherum lagen die bewirtschafteten Felder, andere nahe Landstriche wurden für die Weidehaltung verwendet“, erklärt Teschler-Nicola. Der bevorzugte Boden dafür war Löss, wie Funde an allen Stätten der LBK zeigen, von Frankreich über Österreich bis in die Ukraine.

„Die Ungleichheit hat in der Urgeschichte früher begonnen als bisher gedacht“, sagte Teschler-Nicola gegenüber science.ORF.at.

Methode der Studie

Die Forschungsresultate der Urhistoriker beruhen auf der sogenannten Strontiumisotopen-Analyse. Strontium lagert sich über die Ernährung in Zähnen und Knochen an, je nach geographischer Herkunft unterscheiden sich die Isotopenverhältnisse.

„Wer im Waldviertel aufwächst und sich ausschließlich von dort gewachsenen Früchten oder weidenden Tieren ernährt, nimmt ein anderes geologisches Signal auf als jemand aus dem Weinviertel“, bringt Teschler-Nicola ein Beispiel. Dieses Signal speichert sich im Zahnschmelz an und wird im Lauf des Lebens nicht mehr verändert.

Durch eine Analyse des Zahnschmelzes nach dem Tod lässt sich klären, wo der Mensch in seiner Kindheit gelebt hat. Vergleicht man das mit geologischen Signalen, die man aus Wasser- und Bodenproben sowie Knochen von standorttreuen Tieren gewonnen hat, lassen sich so die Wanderungsbewegungen auch prähistorischer Menschen gut bestimmen.

Männer ortsgebunden, Frauen zogen zu

Genau das haben die Forscher um Alexander Bentley von der Universität Bristol und Maria Teschler-Nicola nun mit über 300 Skeletten aus der Jungsteinzeit gemacht. Genauer gesagt: aus der sogenannten Linearbandkeramischen Kultur, der ältesten bäuerlichen Kultur Mitteleuropas.

Ergebnis Nummer Eins: Die Strontiumisotopen-Verhältnisse waren bei den Frauen weit unterschiedlicher als bei den Männern. Das bedeutet, dass die Männer eher an dem Standort gestorben sind, an dem sie auch geboren wurden, während die Frauen im Laufe ihres Lebens eher gewandert sind.

„Es handelt sich in der Jungsteinzeit um patrilokale Systeme. Familienoberhäupter waren die Männer. Sie haben die Farmen geführt und waren ortsgebunden. Die Frauen sind zur Heirat aus anderen Regionen oder Siedlungen zugezogen“, erklärt Teschler-Nicola.

Väter vererbten ihren Status

Ergebnis Nummer Zwei: Männer mit hohem Status wurden eher an der Stelle begraben, an der sie aufgewachsen sind, als Männer mit geringem Status. Das zeigte sich anhand der Grabbeigaben. Speziell Steinbeile gelten für die Forscher als Hinweis auf einen hohen Sozialrang. Die – nicht ganz einfach herzustellenden – Beile dienten als Werkzeuge bzw. Waffen und waren insofern Statussymbole.

„Studienautor Bentley hat nun männliche Skelette, die solche Beile als Grabbeilagen hatten, mit Skeletten verglichen, die das nicht hatten.“ Für die Forscher durchaus überraschend erwiesen sich letztere als deutlich weniger ortsgebunden als erstere.

Und das lässt laut Teschler-Nicola nur einen Schluss zu: „Die Männer haben ihren Status an ihre Söhne weitergegeben. Sie sind in ihrer Siedlung geblieben, haben den Hof übernommen und mit dem Sozialstatus auch die Beile mitbekommen. Es gab offensichtlich bereits im Neolithikum so etwas wie eine Erbfolge.“

Genaue Entwicklung offen

Die soziale Differenzierung hat also früher begonnen als bisher gedacht. Aus der Bronzezeit etwa ist sie seit Langem bekannt: Zahlreiche Gräber von Frauen wie auch Männern dokumentieren die gesellschaftlichen Unterschiede, die Zeit ihres Lebens bestanden haben müssen.

„Dass dies auch schon weit zuvor der Fall war, wurde in der Urgeschichte bisher zwar diskutiert, es hat aber keine starken Belege dafür gegeben. Manche meinten sogar, dass die frühen Bauern im Neolithikum sozial egalitär waren. Unsere Studie zeigt ganz klar: Es war doch eine stark hierarchisch geprägte Gesellschaft“, fasst Teschler-Nicola zusammen.

Wie und wann genau es zu dieser Entwicklung gekommen ist, lässt sich auch mit der aktuellen Untersuchung nicht sagen. Ein möglicher Ansatzpunkt, um die Fragen zu klären laut der Expertin: „Man müsste Skelettserien aus der ganz frühen Phase der Linearbandkeramischen Kultur mit Skeletten aus der ganz späten Periode vergleichen.“

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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Die Landwirtschaft brachte den Krieg

Als in der Jungsteinzeit die Landwirtschaft erfunden wurde, verbesserte sich die Ernährungssituation nicht, wie eine Studie zeigt. Die Verbreitung von Ackerbau und Viehzucht hatte vielmehr soziale Gründe: Die treibende Kraft war demnach der Krieg.

Kategorie: Urgeschichte Erstellt am 08.03.2011.

Produktion statt Aneignung

Es war einer der größten Umbrüche der Menschheitsgeschichte, vergleichbar mit der Erfindung von Pfeil und Bogen, Dampfmaschine und Computer: die Erfindung von Ackerbau und Viehzucht im Fruchtbaren Halbmond und Vorderen Orient. „Neolithische Revolution“ hat der britische Archäologe Vere Gordon Childe in den 1930er Jahren den Übergang zur neuen Lebensweise genannt – der Begriff wird bis heute verwendet, obwohl er in gewisser Hinsicht auch in die Irre führt:

Childe hatte ein vom Marxismus inspiriertes Geschichtsbild und parallelisierte die Jungsteinzeit bewusst mit der industriellen Revolution. Technologisch mögen beide Phasen Revolutionen gewesen sein, aber erstere benötigte rund 5.000 Jahre von der Erfindung bis zur Verbreitung – in zeitlicher Hinsicht war es wohl eher eine „Neolithische Evolution“.

Was den Menschen bewegt haben mag, das Nomadenleben gegen eine sesshafte Lebensweise einzutauschen, wird in Fachkreisen nach wie vor diskutiert, ein allgemeiner Konsens scheint nicht in Sicht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Liste möglicher Auslöser lang ist:

Klimawandel und das Aussterben von Beutetieren mögen den modernen Menschen vor rund 12.000 Jahren zur Änderung seiner Lebensweise gezwungen haben; religiöse Kulte und Handelsbeziehungen könnten für die Verbreitung wichtig gewesen sein; am häufigsten wird wohl der Hinweis auf die Produktivität genannt: Ackerbau und Viehzucht hätten dem Menschen eine sichere Nahrungsquelle geboten, die Energieversorgung sei damit verbessert worden, heißt es.

Die Studie

„Cultivation of cereals by the first farmers was not more productive than foraging“ ist im Fachblatt „PNAS“ erschienen (doi: 10.1073/pnas.1010733108).

Kalorienformel: Weniger, nicht mehr Energie

Eine Erklärung, die Samuel Bowles nun entschieden in Frage stellt. Der Ökonom und Anthropologe vom Santa Fe Institute, New Mexico, hat versucht, die Produktivität der frühen Landwirtschaft in Zahlen zu fassen: Seinen Berechnungen zufolge war sie dem Jagen und Sammeln keineswegs überlegen, eher im Gegenteil. Die nomadenhafte Lebensweise erwirtschaftete demnach pro investierter Arbeitsstunde mehr Kalorien als die Kultivierung von Pflanzen und Tieren.

Das mag auch erklären, warum die Menschen nach der Sesshaftwerdung zunächst im Schnitt eine geringere Körpergröße als zuvor erreichten und außerdem anfälliger für Krankheiten wurden, wie Knochenfunde zeigen. Andererseits zeigen Studien auch, dass nach der Einführung der Landwirtschaft die Populationsdichte sukzessive anstieg. Irgendeinen Vorteil muss sie also gehabt haben. Warum blieben die Menschen dennoch bei der Landwirtschaft, wenn sie die Ernährungssituation nicht wirklich verbesserte?

Samuel Bowles plädiert dafür, die Ursachen nicht bei der Technologie, sondern im Sozialen zu suchen. Möglicherweise könne der Übergang durch die Art und Weise erklärt werden, „wie Menschen miteinander umgegangen sind, und weniger, wie sie durch Innovationen mit der Natur umgegangen sind.“

Urzeitliches Wettrüsten

Im Grunde handle es sich bei dem Problem um deren zwei, schreibt Bowles im Fachblatt „PNAS“. Warum Menschen die Landwirtschaft überhaupt als Kulturtechnik eingeführt haben, sei leicht erklärt: Der Übergang sei sicher nicht abrupt erfolgt, zu Beginn hätte die Pflanzen- und später auch die Tierzucht wohl nur die vergleichsweise unproduktiven Teile der vorherigen Lebensweise ersetzt. So gesehen sei das auch kein kalorisches Verlustgeschäft gewesen. Für die Verbreitung und spätere Dominanz dieser Kulturtechnik benötige es aber eine andere Erklärung.

Eine solche haben letztes Jahr die beiden Ökonomen Robert Rowthorn und Paul Seabright vorgeschlagen. Sie wiesen in einem Forschungspapier darauf hin, dass mit Ackerbau und Viehzucht auch der Besitz erfunden wurde, und dass mit diesem Besitz wiederum der Raub als ökonomische Alternative in die Welt gekommen sei. Die natürliche Reaktion auf diese Bedrohung sei die Aufrüstung der Besitzenden gewesen. „Jede Gruppe musste mehr in die eigene Sicherheit investieren“, schreiben die beiden in ihrer Arbeit, „Jedoch: Was die eine Gruppe sicherer macht, macht die Nachbarn automatisch unsicherer.“

Demnach liegt der Keim für die Verbreitung der Landwirtschaft weniger in ihrem Nutzen und ihrem Einfluss auf den Lebensstandard. Sondern eher in ihrer Tendenz, eine Spirale der Aufrüstung in Gang gesetzt zu haben. Wer sich diesem Trend nicht anschloss, gelangte automatisch ins Hintertreffen. Archäologische Belege für diese Lesart gäbe es jedenfalls: etwa die mehr als 11.000 Jahre alte Stadtmauer von Jericho. Die Stadt am Westufer des Jordan gilt als eines der ersten Ballungszentren, das nach der Erfindung der Landwirtschaft entstanden ist.

Robert Czepel, science.ORF.at

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